Seymour Bernstein

Bernstein: Mit eigenen Händen...

... Selbstverwirklichung durch kreatives Klavierüben

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Gerhard Schroth, Mainz: Schott 2001
ISBN 3-7957-0444-8
Originalausgabe "With Your Own Hands, Selv-Discovery Through Music", Schirmer Books 1981

Seymour Bernstein ist Pianist, Komponist, Schriftsteller und einer der renommiertesten Klavierpädagogen der Amerikas. Sein Buch "Mit eigenen Händen" unterscheidet sich von den zahlreichen Büchern über Klavierpädagogik vor allem durch die große Bedeutung, die er einerseits dem Üben als kreativen Prozess und andererseits dem Musizieren der Amateure zuschreibt.
Er ist fest davon überzeugt, dass die Qualität des Klavierübens eine positive Wirkung auf die ganze Persönlichkeit hat. Er beschränkt sich daher in seiner Pädagogik nicht nur auf die musikalischen und technischen Aspekte des Klavierspiels, sondern kümmert sich auch um die psychischen und geistigen Voraussetzungen künstlerischer Arbeit.

Das erste Kapitel seines Buches heißt: "Der Sinn des Übens". Anhand von vier Fallbeispielen erklärt er typische Probleme unzulänglichen Übens. Sehr ausführlich zeigt er Wege zu einer effektiven und den Übenden tief befriedigenden Arbeit am Klavier auf.
Die verschiedenen Einzelaspekte des Klavierspiels werden im darauf folgenden Kapitel in konzertierter aber sehr umfassenden Weise behandelt. Die meisten Hinweise finden sich in ähnlicher Form auch in anderen guten Büchern über das Klavierspiel. Ungewöhnlich ist allerdings der Schlussteil des zweiten Kapitels, den er mit "Choreographie" oder Bewegungsstrategie überschreibt.
Noch detaillierter hat er die hier besprochenen Aspekte in seinem auch in deutscher Übersetzung erschienen Buch: "Klavier-Choreographie, Grundlagen der natürlichen Bewegung am Klavier" behandelt.

Das Schlusskapitel hat die Überschrift: "Selbstverwirklichung durch öffentliches Auftreten". Er tritt entschieden dafür ein, dass jeder, der Klavier spielt, seine Erfahrungen und Ergebnisse anderen mitteilt. Auch Amateure sollen nach seiner tiefsten Überzeugung vor einem Publikum spielen. Dass dabei der geeignete Rahmen gefunden werden muss, ist selbstverständlich. Sehr ausführlich werden die Probleme des Spiels vor einem Publikum (Lampenfieber, Umgang mit Kritik, Gedächtnis ) erörtert. Er zeigt auf, wie man durch gewissenhafte Vorbereitung beim Üben aber auch durch andere Verhaltensweisen zu einem überzeugenden Konzert gelangt. Es ist nicht nur so, dass ein gewissenhafter, umfassend gebildeter und fantasievoller Mensch zu einer guten künstlerischen Darstellung gelangt, sondern dass man durch die Arbeit an einem Kunstwerk und die gute Vorbereitung zu einem Konzert zu einem besseren Menschen wird.

Meisterkurs in Köln-Porz

Ein Konzert der Pianistin Birgit Matzerath, die Schülerin von Seymour Bernstein ist und mit ihm in ständigem Kontakt steht, hat mich veranlasst, mich näher nach seinem Unterrichtsstil zu erkundigen. Mehrere glückliche Umstände haben es dann ermöglicht, ihn zu einem Meisterkurs nach Deutschland einzuladen.
Seymour Bernstein hat vom 23.3. - 29.3 2008 in einem vom DTKV Bezirksverband Südwestfalen und dem Förderverein der Carl-Stamitz-Musikschule in Köln-Porz veranstalteten Meisterkurs seine pädagogischen Fähigkeiten eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

Ich habe selten eine so heitere und doch sehr konzentrierte Atmosphäre auf einem Klavierkurs erlebt. Das mag zum Teil an der Zusammensetzung der Teilnehmer gelegen haben, aber im wesentlichen war es sein offener, unkomplizierter Umgang mit den Teilnehmern, sein humorvoller Unterrichtsstil und seine Kompetenz, die das ermöglichten.
Der Kurs begann mit einem Vortrag über die Pedalbehandlung bei Chopin. Der Vortrag war eine Zusammenfassung seines leider noch nicht übersetzten Buchs "Chopin: Interpreting His Notational Symbols". Dabei wurde deutlich, wie intensiv er sich mit den Quellen befasst hat und wie umfassend seine musikwissenschaftlichen Kenntnisse sind.

Jeder Teilnehmer sollte zwei vorbereitete Werke angeben, aus denen er sich eines aussuchte. Damit wollte er vermeiden, Werke doppelt zu unterrichten, was in den meisten Fällen auch gelang. Jeder Teilnehmer war gebeten worden, die Noten auf Folien kopiert mitzubringen. Mit Hilfe eines Overheadprojektor konnten alle Zuhörer beim Unterricht mitlesen. Damit wurden die Zuhörer sehr gut in das Geschehen eingebunden und es entstanden häufig Fragen und Diskussionen. Kaum einer der Teilnehmer verschwand während der Unterrichtszeit um zu üben. Bernstein unterrichtete vormittags und nachmittags jeweils 3 Stunden, die mit einem kleinen Konzert. begannen, bei dem 3 Teilnehmer zunächst hintereinander vorspielten. Erst danach begann der Unterricht. Damit vermied er, dass der letzte Teilnehmer vielleicht schon müde vom Zuhören war oder den vorangehenden Unterrichtsstunden nicht beiwohnte.
Bernstein fand mit erstaunlichen Gespür heraus, welche Hilfen die jeweiligen Teilnehmer benötigten. Es gab Teilnehmer, die technisch hervorragend, musikalisch jedoch nichtssagend und andere die technisch unzulänglich spielten. In jedem Fall fand er Wege, das Spiel deutlich zu verbessern. Teilweise hätte man den Teilnehmern vorher nicht zugetraut, auf welchem Niveau sie hinterher gespielt haben. Bei aller Kenntnis über die Notationsweise und historische Aufführungspraxis, waren für ihn die Darstellung des emotionalen Gehalts der Musik oberstes Gebot. Er akzeptierte bei allen Teilnehmern, egal wie alt und erfahren sie waren, wenn ihre Interpretation von seiner abwichen.
Eine Besonderheit dieses Kurses lag darin, dass auch einige Laien, Kinder und Erwachsene teilnahmen. Er widmete sich ihnen mit der gleichen Aufmerksamkeit wie den Musikstudenten und Klavierpädagogen. Jeder Teilnehmer ging mit Zuversicht und großer Motivation zur eigenen Weiterentwicklung aus dem Kurs.;
Zum Abschluss des Kurses erzählte er von seinen eigenen, teilweise sehr leidvollen Unterrichtserfahrungen. Er wurde einmal das Opfer einer sehr berühmten Lehrerin, nicht ertragen konnte, dass er mit ihrem Unterricht nicht klar kam. Sie setzte den Leiter den Leiter der Hochschule, an der sie unterrichtete, so unter Druck, dass er Bernstein trotz seiner überragenden Leistungen nicht in der Schule halten konnte. Bernstein ermutigte deshalb die Teilnehmer, ihrem eigenen Empfinden und ihren eigenen Überzeugungen zu folgen und sich nicht vom Ruf oder der Autorität eines Lehrers oder Kritikers beirren zu lassen.

Seine eigenen Erfahrungen hat er in seinem nur in englischer Sprache erhältlichem Buch : "Monsters and Angels, Surviving a Career in Music" dargelegt.