Bipolare Atem- und Körperarbeit

Johannes Wolff:

Bipolare Atem- und Körperarbeit

(vorgestellt am 11.09.2010)

Bipolare Atem- und Körperarbeit

In der Mitte des 20. Jahrhunderts hat Erich Wilk entdeckt, dass es bei den Menschen zwei verschiedene Atemtypen gibt. Der eine Typ atmet aktiv aus und lässt dann den Atem passiv einströmen, der andere Typ atmet aktiv ein und entlässt dann passiv den Atem. Diese Tatsache hat weitreichende Bedeutung für die körperliche und seelische Organisation der Menschen.

Um die unterschiedliche Wirkung der beiden Atemformen zu demonstrieren bitte ich alle Teilnehmer, auf der Matte liegend zunächst die die von Wilk entwickelte Ausatmer-Übung, danach die Einatmer-Übung zu machen. Dabei wird zwischen der Funktionsübung die mehrfach wiederholt wird und der abschließenden Halteübung unterschieden. Bei der Funktionsübung wird der normale Atemrhythmus verlangsamt, wobei die aktive Phase nach und nach immer intensiver wird. Bei der Halteübung wird die aktive Phase einmal sehr verstärkt und etwa 20 Sekunden gehalten bis der Körper sich danach wieder ganz entspannt.

Erich Wilk erkennt den Zusammenhang zwischen Geburtszeitpunkt und Atemtyp. Dabei spielt der jeweilige Sonnen- und Mondstand eine entscheidende Rolle. Christian Hagena, ein Heidelberger Arzt, der diese Beobachtungen weiter untersucht hat dafür den Begriff der Terlusollogie geprägt. Die Abhängigkeit der Typen von Sonne- und Mondstand hat mich selbst anfangs sehr skeptisch gemacht. Die Praxis zunächst beim Singen aber auch beim Klavierspiel hat mich aber von der Richtigkeit dieser Beobachtungen überzeugt.

Renate Schulze-Schindler begegnete der Terlusollogie auf der Suche nach einer wirksamen Therapie. Sie war als Sängerin davon überzeugt, dass dies eine Auswirkung auf das Singen haben muss. Zusammen mit Romeo Aliva Kia experimentierte sie mit diesen Atemtypen und erlebte sehr deutliche Auswirkungen auf das Singen. Zusammenfassend und etwas vereinfacht kann gesagt werden, dass Ausatmer beim Singen nach vorn und unten ausgerichtet sein sollten. Einatmer erleichtern sich das Singen, wenn sie den Raum über und hinter sich wahrnehmen und die Atemmuskulatur beim Singen sich weiten lassen. Renate Schulze-Schindler hat damit inzwischen fast 20 Jahre Erfahrung und bildet seit einigen Jahren auch andere Pädagogen (Sänger, Instrumentalisten, Sprecherzieher) aus.

Ich befinde mich am Ende dieser Ausbildung und habe lange nach Wegen gesucht, die Wilk-Übungen gezielt für das Klavierspiel einzusetzen. Es handelt sich dabei um Übungen für die wichtigsten Gelenke. Auch bei ihnen wird immer zwischen Funktionsübung und Halteübung unterschieden. Sie stärken die Funktion der Gelenke und viele andere Körperfunktionen. Von Erich Wilk wurden sie nur für Therapiezwecke verwendet. Sie sind aber auch sehr gut zur Unterstützung des Singens. Im Gegensatz zum Singen ist das Klavierspiel nur in sitzender Position möglich. Die Wirkung der Übungen ist aber fast genauso intensiv, wenn man sie mental macht. Das ist auch sehr gut in der üblichen Sitzhaltung vor dem Klavier möglich. Meine Experimente damit haben für jede dieser Übungen eine bestimmte Wirkung auf die Qualität des Klavierspiels hervorgebracht. Das erweist sich als eine sehr große Hilfe auch beim Unterricht. Schüler, die die Wilk-Übungen nicht kennen, können manchmal durch Konzentration auf das entsprechende Gelenk die Wirkungen der Übungen hervorrufen. Nach meiner bisherigen Erfahrung gelingt das Schülern mit gutem Körperbewusstsein besser als anderen. Da die Wilk-Übungen das Körperbewusstsein sehr gut schulen, ist das Erlernen dieser Übungen sehr zu empfehlen. Sie sind sehr einfach, ihre genaue Ausführung muss aber trotzdem lange geübt werden.

Die Entdeckung, welche Auswirkung die Wilk-Übungen auf das Klavierspielen haben, sind für mich noch sehr neu und ich bin sicher erst am Anfang eines langen Weges damit. Das Interesse der AKP-Mitglieder hat mich in seiner Intensität überrascht, die Skepsis bei einigen von ihnen kann ich aber sehr gut verstehen, da ich selbst sehr lang an dieser Typologie gezweifelt habe. Leider war wegen der vielen Fragen nicht mehr genügend Zeit, praktisch damit zu arbeiten. Ich hole das, wenn es möglich ist, gern beim nächsten AKP-Treffen nach. Es wäre schön, wenn sich eine Ausatmerin/ ein Ausatmer und eine Einatmerin/ ein Einatmer beim Klaviespielen oder beim Singen atemtypisch unterstützen lassen wollen.

Literaturhinweis:

Christian Hagena: Terlusollogie
Renate Schulze Schindler: Sonne, Mond und Stimme